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Montag, 23. Dezember 2013

Hawks / Bogart / Bacall

Am Wochenende im Rahmen der Howard Hawks-Retrospektive im Arsenal gesehen: To Have and Have Not (1944) und The Big Sleep (1946).

Hawksian Woman...

Diederich Diederichsen schreibt über Hawks, es gebe "eine ganze Forschungsrichtung, die ihm eine spezifische Form des Feminismus hoch anrechnet, denn er hat Frauen in die(...) homosozialen Gruppen eintreten lassen, ohne dass nun wegen der Geschlechterdifferenz die Homosexualität hierarchiebildend in diese gleichartigen Gruppen einbricht". Tatsächlich ist es faszinierend, zu sehen, wie wenig die Hierarchien in den freiheitskämpferischen und ermittlerischen Projekten, von denen die Filme handeln, entlang klassischer Geschlechtergrenzen und Rollenvorstellungen verlaufen. Geht es, vor allem in The Big Sleep, um Loyalität und Verrat, so hat die Frage, wem man trauen kann und wem nicht (ganz anders als in Chandlers Roman-Vorlage), hier nichts mehr mit Geschlecht zu tun.
Bogart kann sich in beiden Filmen vor eindeutigen Angeboten und Annäherungsversuchen junger attraktiver Damen kaum retten. Es ist der Mann, nicht die Frau, der unentwegt mit Blicken ausgezogen wird. Die Frauen sind bei Hawks nicht mehr schmückende Objekte, sondern Subjekt von Blick und Begehren. Wann geküsst wird, das entscheidet in To Have and Have Not zunächst einmal Bacall. Wenn Bogart dann erst beim zweiten Kuss "mithilft", wird er quasi zum "Erfüllungshelfer" des weibliche Begehrens.


 
... and Men

Der Privat-Detektiv Philip Marlowe, wie wir ihn aus den Romanen Raymond Chandlers kennen, deren erster The Big Sleep war, wurde zum Inbegriff einer bestimmten hartgekochten Form der Coolness. Scheinbar paradoxerweise ist er auch ziemlich verklemmt - sexualitätsfeindlich und misogyn. "Women make me sick," sagt er im Roman einmal deutlich genug. Wenn es Marlowes Tragödie ist, dass es ihm nie gelingt, sich von einer bösen und korrupten Welt wirklich abzugrenzen, dann sind die Frauen immer schon Teil dieser Welt. Für ihn fallen moralische Integrität und sexuelle Abstinenz in eins. (Obwohl Marlowe die Frauen - oft ganz buchstäblich - schier in die Arme fallen, hat er erst in The Long Goodbye, seinem siebten und letzten (vollendeten) Roman-Auftritt, zum ersten Mal eine Affäre mit einer von ihnen.) Einerseits ist Bogart die perfekte Besetzung für eine solche Rolle. Immer latent aggressiv, angespannt. Unter der Oberfläche seiner meist unbewegten Züge scheint es ständig zu kochen. Die Dialoge scheinen, eher gebellt als gesprochen, aus ihm hervorzubrechen, wie etwas, das nicht länger zurück gehalten werden kann. Andererseits passt so eine Figur schlecht ins Welt- und Geschlechterbild eines Howard Hawks. Eine Szene mag verdeutlichen, wie der Film diesen Widerspruch auflöst. Im Roman kommt Marlowe eines Nachts nachhause, um Carmen Sternwood, die Tochter seines Auftraggebers, jung, attraktiv, strohdumm, verdammt und verdorben, nackt in seinem Bett vorzufinden. Dieses Eindringen in seine Privatsphäre empfindet der Roman-Marlowe beinahe wie eine Vergewaltigung. Nachdem er sie vor die Tür gesetzt hat, heißt es: "I went back to the bed and looked at it. The imprint of her head was still in the pillow, of her small corrupt body still on the sheets. I put my empty glass down and tore the bed to pieces savagely."
Auch der Film-Marlowe setzt den ungebetenen Gast vor die Tür. Sofort danach kommt eine recht lange Schwarzblende, die das zu markieren scheint, was die filmische Adaption auslässt. In der nächsten Einstellung schlummert Bogart selig in dem Bett, das sein literarisches Pendant aus lauter Ekel vor der Frau (und dem eigenen Begehren für sie?) in Stücke gerissen hatte.
Oliver Nöding schreibt zum Verhältnis von Buch und Film: "THE BIG SLEEP ist (...) ein frühes Beispiel dafür, wie Hollywood es versteht, brisante Stoffe zu entschärfen." Ich kann diese Argumentation einerseits durchaus nachvollziehen. Natürlich ist das Happy End (das der Film auch nur andeutet) eine Entschärfung im Gegensatz zum Ende des Romans, in dem Marlowe nichts bleibt, als seine Verbitterung und Selbstverachtung in Alkohol zu ertränken. Natürlich wäre ein Film, in dem es für das It-Paar seiner Zeit kein gemeinsames glückliches Ende gibt, 1946 wohl schwer bei den Produzenten durchzusetzen. Andererseits ist der Marlowe des Films, die Welt, die ihn umgibt und die Frauen, mit denen er zu tun hat, Chandlers Roman so grundverschieden, dass er es einfach nicht nötig hat, Keuschheit zu wahren, um sich selbst - zumindest ein bisschen - treu zu bleiben.

Zigaretten...

...spielen bei Bogart und Bacall, die sich beim Dreh von To Have and Have Not, Bacalls Leinwand-Debüt kennenlernten und sich - on- und off screen - zu dem Hollywood-Traumpaar ihrer Zeit entwickeln sollten, eine entscheidende Rolle. In ihrern ersten Einstellung lehnt Bacall lasziv im Türrahmen: "Anybody got a match?"


Später dann, muss Bacall in der Bar, die der Film in herrlich mit Menschen vollgestopften Einstellungen zeigt, Geld für die beiden organisieren. Sie geht zu einem Mann, der sich gerade mit einem Streichholz seine Zigarette anzünden will, nimmt seinen Arm mitsamt dem Feuer und steckt sich die ihre an. Bei der Frau scheint das Rauchen also Verfügbarkeit anzuzeigen. "Come on Baby, light my fire..." Und beim Mann?
Wie dem auch sei, in The Big Sleep greift gleich der Vorspann, neben dem von Double Indemnity einer der schönsten des klassischen Hollywood-Kinos, die ich kenne, dieses Motiv auf. Die Silhouetten von Bogart und Bacall, durch die Einblendung ihrer Namen beschriftet, zünden sich Zigaretten an. Dann, unten links im Bild ein Aschenbecher, in dem zwei brennende Zigaretten liegen, aus ihrem Rauch bilden sich die Credits, die dann auch wieder in ihm verschwimmen und verschwinden. Ubrigens starb Bogart 1957 im Alter von 57 Jahren - an Speiseröhrenkrebs, der nicht zuletzt durch Nikotin ausgelöst wird. Bacall hörte mitte der Achtziger auf zu rauchen - sie ist heute 89.


Alkohol...

In To Have and Have Not ist Eddie (Walter Brennan), Bogarts bester, meist treudoofer, wenn's drauf ankommt dann wieder ziemlich gerissener Freund, Alkoholiker. Mich hat überrascht, wie genau der Film die Symptome dieser Krankheit, die doch erst 1968, also knapp 25 Jahre später, offiziell als solche anerkannt wurde, beschreibt. Gleich zu Beginn wird Eddies Zittern thematisiert, als er später den Schurken in die Hände fällt, haben sie es relativ leicht, ihn zu foltern - sie müssen ihn nur auf Entzug setzen. Auch zieht es sich als running gag durch den Film, dass er sich nie etwas merken kann. Bogart selbst verhält sich ihm gegenüber als perfekter Co-Abhängiger. Eddy hat kaum den Mund aufgemacht, schon hat er die Genehmigung, sich noch ein Bier zu nehmen oder ein paar Münzen in der Hand, um sich den nächsten Drink zu kaufen.
(Auch in The Big Sleep spielt Sucht, als Erklärung für Carmens Verhalten eine gewisse Rolle. In Rio Bravo übrigens spielt Dean Martin eine Säufer-Figur, die Eddie recht ähnlich ist. Ich bin verdammt gespannt, ob sich in den Hawks-Filmen, die ich in den nächsten Wochen sehen werde, es noch mehr solche Figuren gibt...)




Die Retrospektive im Arsenal läuft noch bis Ende Januar.

Donnerstag, 20. Juni 2013

Double Indemnity (Billy Wilder, USA 1944)

Großartig schon der Vorspann! Im Hintergrund der wahrlich beachtlichen Credits kommt der Schatten eines Mannes auf Krücken langsam auf uns zugehumpelt. Fred MacMurray und Barbara Stanwyck und Edward G. Robinson und Raymond Chandler und Billy Wilder und - vor allem - Licht und Schatten. In nuce beinhaltet dieser Vorspann den ganzen Film. Wenig mehr als ein Schatten wird Fred MacMurray zu Beginn sein, der Versicherungsangestellte, der nachts in sein Büro schleicht, um seine Geschichte zu erzählen, sein Geständnis abzulegen. Mehrere Morde wird er gestehen, seinem Kollegen und vielleicht dem einzigen Freund, den er je hatte, die er begangen hat für Geld und eine Frau. Beides hat er nicht bekommen. In der Geschichte, die er erzählt, wird er langsam, aber unaufhaltsam seinem Verderben entgegengehen so wie der Schatten im Vorspann langsam und unaufhaltsam auf uns zukommt, angetrieben vom schicksalhaft dräuenden Score von Miklos Rozsa, bis er fast das gesamte Bild ausfüllt. 

Das Diedrichsensche Wohnzimmer, die Falle, in die er tappen wird, liegt im durch die Jalousien gebrochenen Licht. Horizontale Gitterstäbe aus Licht und Schatten, verdichten sich zu dem Gefängnis des Begehrens, aus dem es für MacMurray kein Entkommen gibt. Barbara Stanwyck, die Frau, die Gefängnisdirektorin dann, ist ganz Lichtgestalt. Ihr Gesicht, ihre blonden Haare, die man noch im schwarzweißen Bild golden zu leuchten sehen meint, scheinen das Licht geradezu magisch anzuziehen. Den ganzen Film über fällt kaum ein einziges Mal Schatten auf ihre Augenpartie.

Die Überblende ist das vorrangige Kompositionsprinzip. Jede Szene, jedes Ereignis legt sich als Schatten über das vorhergehende bis zur finalen Schwarzblende, in der die Dunkelheit, den Mann, der nur noch auf den Notarzt und die Gaskammer wartet, der nur noch Schatten war, verschluckt.